Oberösterreichische Nachrichten
Oberösterreichische Nachrichten 1. April 2000
Autor: Christine Radmayr
Eine Ahnung der "unendlichen Leichtigkeit des Seins" durfte ich bei einer Stunde Watsu erfahren. Aquatische Körperarbeit verschafft Tiefenentspannung im muskulären wie seelischen Bereich..
Das Wasser ist unser Urelement, schwimmt der Mensch doch vor seiner Geburt schon im Fruchtwasser. Daher hat jeder eine ganz persönliche Beziehung zu Wasser. Der eine liebt Urlaub am Meer, genießt die Weite des blauen Horizonts, der andere hat Angst vor dem unberechenbaren Element. Die Chinesen ordnen in der Fünf-Elemente-Lehre dem Wasser das Gefühl der Angst zu, in der Traumdeutung steht Wasser für das Unbewusste, in der Sternzeichendeutung ist Wasser das Element der Gefühle.
Stress rieselt ab
"Für mich hat das Wasser eine aufweichende, an die Oberfläche spülende Wirkung, sei es von frühkindlichen Erinnerungen oder Gefühlen. Durch die tiefe Entspannung von Körper und Psyche schwimmt Alltagsstress sozusagen davon", erklärt die WATSU-Therapeutin und Pionierin in OÖ., Ingrid Mayr aus Schlierbach.
WATSU heißt eigentlich Wasser-Shiatsu und ist eine Form der Körperarbeit. Die Therapeutin trägt, führt, dehnt und bewegt den Klienten beinahe schwerelos durch das Wasser, aktiviert Energiepunkte durch Druck, forciert das Fließen der Energie, löst Blockaden. Mayr: "Diese Form ist für jeden geeignet, um abzuschalten von allen Störquellen rundherum. Probleme mit dem Bewegungsapparat können gelindert werden. Der Körper wird gedehnt, die Sensibilität für ihn steigt und das Gefühl des Gehaltenseins, der Geborgenheit im 35 Grad warmen Wasser trägt einen fort in einen schwerelosen Zustand. Das Gefühl von Raum und Zeit zerfließt, man kommt weg von Tun, ganz ins Sein."
Ich selber spürte, dass ich mich mehr dem Wasser und der Therapeutin anvertraute, mich fallen ließ, die Außenwelt unwichtig wurde, ich nur das Glucksen um mich hörte und genoss die Stille, die Leichtigkeit, die Geborgenheit. Kurz durchschoss es mich: Wenn sterben so ist, dann ist es wunderschön. Das Zurückkehren mit beiden Beinen auf die Erde war für mich ein Schock, ein Herausreißen aus der Harmonie. Noch Stunden nachher nahm ich die Welt nur in Watte gebetet wahr, war angenehm müde und fühlte mich so in meiner Mitte wie selten.
"Für manche ist so eine Stunde reine Entspannung und sie laden ihre Batterien dabei auf, bei anderen kommen verdrängte Ängste und Gefühlsblockaden hoch, die man nach und nach loslassen kann. Bei dieser Form der Arbeit gibt es kein Muss. Wenn einer am Anfang stocksteif ist und dann meint, dass er noch nie so entspannt war, ist das o.k. Ich arbeite auch im Diakoniewertk Gallneukirchen mit mehrfach Behinderten. Wenn nach einer Behandlung ein spastisches Kind ohne Verkrampfung im Rollstuhl sitzt und dieser Effekt tagelang anhält, die Betreuer sagen, dass es dann besser schläft, ausgeglichener und mobiler ist, bin ich zufrieden, auch wenn der Erfolg nach einigen Tagen wieder nachlässt", erklärt die 41-Jährige, die für ihre Arbeit in der Landeskuranstalt Bad Zell eigens ein Becken anmietet.
Die Arbeit im Wasser fördert beispielsweise die Durchblutung der Haut, den zellulären Stoffwechsel, verstärkt die Nierendurchblutung, verringert Blutdruck und Herzfrequenz, verbessert das Atemmuster und die Beweglichkeit, Bandscheiben entspannen sich, Stress rieselt ab und das Tor zu tiefen Persönlichkeitsschichten mag sich öffnen.
WATSU wurde vor 15 Jahren vom Amerikaner Harold Dull entwickelt, kommt vom Zen-Shiatsu, einer meditativen Massageform, die durch Drücken Energie stimuliert und harmonisiert. Bei WATSU liegt der Kopf des Klienten in der Armbeuge oder lehnt an der Schulter des Therapeuten.
Gute Erdung nötig Laut Information von Mayr wird überlegt in der Therme Geinberg WATSU anzubieten, in Loipersdorf und im Kurbad Oberlaa ist dies schon der Fall. Seit 1997 gibt es in Graz das Ausbildungsinstitut für Aquatische Körperarbeit. Einführungsgruppen organisiert Mayr im Herbst auch in OÖ. Die Eigenschaft des aufweichenden Elements geht auch an der Therapeutin nicht spurlos vorüber. "Ich muss mich gut erden und abgrenzen", erklärt die dreifache Mutter.
"Es ist ein Zusammenspiel von mir und dem anderen, ich folge der Bewegung die der Körper vorgibt. Wasser hat für mich einen nährenden, weiblichen Charakter. Die Wasserarbeit soll auch von der Einheit, die letztlich jeder in sich trägt, spüren lassen, eine wohltuende Form von Selbtserfahrung sein", erklärt Mayr, die auch Lebens- und Sozialberaterin sowie Atemtherapeutin ist.