Wege

Zeitschrift Wege Ausgabe Oktober-Dezember 2000

 

Watsu - Eintauchen ins Reich des Fühlens

Autor: Ingrid Maria Mayr

 

Wasser ist unser Urelement. Verbringen wir doch schon die ersten neun Monate unseres Lebens im Wasser, geschützt und behütet, getragen und verbunden mit der Mutter und dem Göttlichen. Leider bleiben uns aus dieser Zeit der ersten Glückseligkeit und Geborgenheit keine bewussten Erinnerungen, nur Sehnsüchte. Diese Sehnsüchte nach unserem Ursprung, nach Entspannung und körperlichem Wohlbefinden lassen zur Zeit überall neue Thermen und Wellness-Angebote wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Viele Schwimmbäder bieten schon Warmwasser-Tage und öffentliche Wassertherapien an. 

Watsu, eine Form der ganzheitlichen Wassertherapie, ermöglicht, an die Erfahrung der schwerelosen Zeit im Mutterleib anzuknüpfen und wieder zu unserem Ursprung zu gelangen.

Der Begründer der Methode, Harold Dull, leitet in Harbin Hot Springs (Kalifornien) eine Schule für Shiatsu und Massage. Er entwickelte Watsu (=WATer shiatSU) aus dem Zen-Shiatsu. Watsu wird in einem geschützten Rahmen praktiziert, in Einzelsitzungen oder geschlossenen Gruppen. Liebevoll und sicher gehalten, beinahe schwerelos durchs Wasser bewegt und von Händen achtsam berührt zu werden, ist für die meisten Menschen eine sehr tiefgehende und heilsame Erfahrung - deshalb finden Watsu-Sitzungen nur unter Ausschluss von "Publikum" satt.

 

Sehnsüchte unseres inneren Kindes

 

Watsu bietet ein einzigartiges Zusammenspiel von für Körper, Seele und Geist angenehmen Faktoren:

  • die Schwerelosigkeit und Geschmeidigkeit in warmen Wasser
  • ein Halt, der in dieser Form, wenn überhaupt, zuletzt in der Kindheit erlebt wurde
  • die fließenden Bewegungen, beinahe zeitlos, still und ästhetisch.

Bewusst oder verdrängt trägt jeder Mensch eine tiefe Sehnsucht nach Glück in sich. Als Baby empfinden wir Glückseligkeit, wenn unsere Grundbedürfnisse gestillt werden: Getragen werden, Nähe und Verbindung mit den uns umgebenden Menschen, achtsamer und liebevoller körperlicher Kontakt und Umgang.

Und als Erwachsene? Die amerikanische Ethnologin Jean Liedloff, bekannt durch ihr Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück", meinte dazu: "Kindliche Bedürfnisse bestehen in Erwartung auf Erfüllung unbegrenzt lange weiter und können daher in jedem Alter erfüllt werden. Es scheint mir, dass die ganz frühen und formenden Erfahrungen, die in der Zeit entbehrt wurden, als das Kind hätte getragen werden sollen, auch noch im späteren Leben vermittelt werden könnten, wenn man geeignete Wege hierfür fände. Um einem großen Kind oder gar einem Erwachsenen die Erfahrung wieder zu vermitteln, wäre es nötig, sich Wege auszudenken, die alle frühen Erfahrungen beinhalten: Bewegtsein, Anregungen und Sinnesreize von außen, den Herzschlag der Mutter, die Stimme, Wärme der Haut usw.".

Liedloff wünscht sich, dass im Sinne einer kontinuum-gerechten Lebensweise (im Einklang mit den Rhythmen der natürlichen Entwicklung), die Menschen freier miteinander umgehen lernen, sich berühren und einander halten. "Das ungeheure Reservoir an Sehnsucht nach körperlichem Trost: auf dem Schoß anderer Menschen zu sitzen, einen Haarschopf zu streicheln, wenn einem danach zumute ist, sich freier und öffentlicher zu umarmen und seine liebevollen Impulse nur dann zu bremsen , wenn sie unerwünscht wären....." - diese tiefe Sehnsucht ist mit Watsu erfüllbar! Es vereint viele dieser Kriterien in geradezu idealer Weise.

 

Sich berühren und bewegen lassen

Im Watsu ist eine starke Präsenz des Gebenden enorm wichtig: Ich bin achtsam mit mir und mit dem Anderen - ohne etwas Bestimmtes zu wollen. Gegenwärtig zu sein, bedingt den Einklang im eigenen Herzen. Sowohl beim Geben als auch beim Empfangen von Watsu verbessert sich die Fähigkeit, in Einklang zu kommen. Wenn jemand Liebe, Dankbarkeit und Fürsorge empfindet, löst das im Herzen Wellen aus, die sich im ganzen Körper ausbreiten. Wenn ich aus diesem Einklang heraus dem Körper in meinen Armen lausche, seine leisen Signale und Rhythmen wahrnehme, kann er vertrauensvoll loslassen. Nähe entsteht. Nähe, die nichts will und nichts beabsichtigt.

Watsu setzt den Gebenden ein hohes Maß an Verwantwortung im Umgang mit Vertrauen, Nähe und Intimität voraus. In diesen Bereichen haben manche von uns ganz tiefe Verletzungen erfahren. Und diese Räume können sich öffnen. Deshalb ist das therapeutische Vor- und Nachgespräch äußerst wichtig. Selbst Menschen, die mir zu Beginn einer Watsu Behandlung völlig fremd waren, berichten staunend, wie rasch sie sich voller Vertrauen hingeben und öffnen konnten.

 

Mit dem Anderen SEIN, nichts TUN

Watsu ist Körperarbeit in kuschelig warmem Wasser (34 - 36 Grad), eine Session dauert in der Regel eine Stunde. Während dieser Reise durch das Wasser wird der Körper sanft gedehnt, gedreht und gestreckt. Alle Gelenke werden mobilisiert. Fallweise werden Punkte entlang der Meridiane gedrückt. Ähnlich dem Tai Chi wird der Empfangende tänzerisch bewegt, wobei Spiralen, Bogen-, Pendel-, Wellen- und Kreisbewegungen ausgelöst werden. Mit der (Fast-)-Aufhebung der Schwerkraft werden Bewegungsabläufe möglich, die bei einer Körperarbeit außerhalb des Wassers undenkbar sind.

Der Kreativität und Individualität der Bewegungsabläufe sind dabei keine Grenzen gesetzt. So gesehen ist Watsu immer etwas ganz Einzigartiges zwischen Therapeut und Klient. Geben und Empfangen sind gleichermaßen wohltuend. Mit welcher Freude und Zufriedenheit fahre ich nach meinen Arbeitstagen im Wasser heim! Die strahlenden Augen und weichen Gesichter lassen mich tiefes Glück empfinden.


Die (Heil-)Kräfte des Wassers

Dieses "seidig umhüllt werden" von warmen Wasser scheint eine besondere Magie zu haben. Die Peripherie des physischen Körpers, die Haut, wird deutlicher wahrgenommen als an der Luft - einerseits als Grenze, aber auch als Verbindung zum Wässrigen. Und trotz körperlicher Nähe zwischen Therapeut und Klient ist dieses "spürbare Stück Wasser" immer dazwischen. Physiologisch gesehen fördert die Arbeit im Wasser beispielsweise die Durchblutung der Haut, den zellulären Stoffwechsel, verstärkt die Nierendurchblutung, verringert Blutdruck und Herzfrequenz, verbessert das Atemmuster und die Beweglichkeit, der gesamte Bewegungsradius wird erweitert. Der Muskeltonus und die Körperhaltung werden positiv beeinflusst.

Grundsätzlich können alle Menschen von einer Aquatischen Körperarbeit profitieren (Watsu ist ein Teil davon und wird über Wasser ausgeführt, Wata oder Wassertanzen ist eine Fortgeschrittenentechnik und findet unter Wasser satt):

  • Gesunde genießen die Arbeit im Wasser, um loszulassen und Freude, Leichtigkeit und Lebendigkeit in ihren Alltag zu bringen.
  • Manager schätzen den sanften Ausgleich zu Stress und Hektik, tanken mental und physisch auf.
  • Menschen in helfenden und heilenden Berufen atmen auf, weil sie auch mal kriegen und laden ihre Batterien auf.
  • Für Schwangere ist es die ideale Geburtsvorbereitung. Schwerfälligkeit löst sich in Leichigkeit auf, der Körper wird für die Geburt geschmeidig gemacht.
  • Für körperbehinderte Menschen fällt für einige Zeit das Bewusstsein für ihren behinderten Körper weg. Sie fühlen sich frei und beweglich. Bei Spastikern reduziert sich der Muskeltonus, über einen längeren Zeitraum verbessert sich so die Motorik und damit auch das Lebensgefühl.
  • Bei Kindern und Jugendlichen wird das Gefühl für den eigenen Körper gestärkt, Verhaltensauffälligkeiten können positiv beeinflusst werden (siehe Artikel in WEGE 9/99 & Info-Kasten)

... und die Liste der vielen Anwendungsmöglichkeiten ließe sich noch weiter fortsetzen.

 

Zurück zum Ursprung....

Wasser ist der Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten. Wir Menschen durchlaufen im Mutterleib alle Entwicklungsstadien vom Einzeller  bis zu den Säugetieren und Primaten im Zeitraffer. Vieles erinnert noch an unsere Vorgeschichte im Wasser, wie beispielsweise der Tauchreflex, welcher uns als Baby beim unerwarteten Untertauchen die Luftröhre schließen lässt. Fruchtwasser hat eine ganz ähnliche Zusammensetzung und Konsistenz wie Meerwasser. Und unser menschlicher Körper besteht je nach Alter aus 60 bis 80 Prozent Wasser - wie auch ungefähr zwei Drittel der Erde aus Wasser bestehen.

Wir brauchen also das Element Wasser wie die Luft zum Atmen. Wasser bedeutet Leben - Leben bedeutet Wasser. Es zieht uns magisch an, aber es gibt auch eine "Urangst" vor dem Wasser. Jeder Mensch verbindet etwas Anderes  damit. Sinnbildlich steht Wasser seit jeher für die "Seele", für Innenleben, Unterbewusstes, die Welt der Gefühle, der Intuition und der spirituellen Erfahrung. Wasser ist ein Symbol des Weiblichen. Es ist Yin. Es ist weich und passt sich jeder äußerlichen Form an. Gieße es in eine Kanne und es wird die Form der Kanne annehmen. Es ist unendlich anpassungsfähig. Wasser bringt uns weg vom Sichtbaren, vom Lauten und Schnellen - hin zum Leisen, Ungreifbaren und Langsamen - zum Vertrauen ins Leben, in den Fluss der Dinge. Für unser inneres Gleichgewicht und das der Erde ist es notwendig, diese Eigenschaft des Wassers wieder mehr in unser Leben einzubringen.

 

 Nichts ist weicher und schwächer als Wasser - und doch gibt es nichts, das wie Wasser Starres und Hartes bezwingt

  Lao-tse